Aktuelles
Schichtarbeit ist ungesund (03.02.12)
Inzell. Unter dem Titel „länger arbeiten, trotzdem gesund bleiben“ stand eine Arbeitseinheit der Klausurtagung des IG Metall Ortsvorstands Schweinfurt. Als Referenten fungierten der Arbeitswissenschaftler Prof. Dr. Friedhelm Nachreiner, die Sozialforscherin Daniela Tieves und der Ressortleiter Betriebspolitik der IG Metall Vorstandsverwaltung Jochen Homburg.

Da sowohl Bundesregierung, als auch die Oppositionsparteien SPD und Grüne an der Rente mit 67 festhalten werden die Gewerkschaften nicht um die Frage herumkommen, wie die Arbeit gestaltet werden muss, um länger durchzuhalten. Für Prof. Nachreiner ist dabei klar, dass die Belastungen in dem Maß zurückgeführt werden müssen, wie die Lebensarbeitzeit steigt. Unter den heutigen Bedingungen hielten die Wenigsten bis 67 durch, so der Arbeitswissenschaftler. Dabei sei nachgewiesen, dass Beschäftigte die früher aus dem Erwerbsleben aussteigen, länger lebten.
Besonders belastend sei Schichtarbeit und Arbeiten zu abweichenden Zeiten wie Samstags- und Sonntagsarbeit. Es sei erschreckend, so Nachreiner, dass inzwischen 75% der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu abweichenden Zeiten arbeiten müssen. Nur 25% hätten das Privileg ein „Normalarbeitsverhältnis“ zu haben. Darunter verstehen die Wissenschaftler eine regelmäßige Beschäftigung am Tag von Montag bis Freitag. Die Frage ob Schichtmodelle Einfluss auf die Belastungsrisiken hätten beantwortete Nachreiner mit einem klaren „ja“. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen berge die Schichtfolge lang- rückwärts die höchsten gesundheitlichen Risiken, gefolgt von lang- vorwärts. Die Schichtfolge kurz- vorwärts sei am verträglichsten. Unter kurz verstehe die Wissenschaft zwei/ drei Tage und unter vorwärts die Schichtfolge Tag- Spät- Nacht.
Die gesundheitlichen Beschwerden der Schichtarbeiter bestünden in Schlafstörungen, die nicht selten in Verdauungsstörungen und folglich in Diabetes II münden, außerdem in Herz- Kreislaufstörungen. Hypothesen zufolge könnte Schichtarbeit auch Krebs auslösen. Diese These sei bei Menschen noch nicht nachgewiesen, allerdings sei bei Tieren der Nachweis erbracht. Der Begriff Schichtarbeit selbst ist gesetzlich nicht definiert. Gesetzeskommentare sprechen dann von Schichtarbeit, wenn „ein Arbeitsplatz von mehreren besetzt wird“.

Insbesondere die sozialen Folgen von Schichtarbeit untersucht aktuell Daniela Tieves von der Universität Bochum. Sie geht in ihrem Forschungsprojekt der Frage nach sich die „soziale Desynchronisation“ auf das Leben der Menschen auswirkt und welcher Strategien entwickelt werden, um damit zurecht zu kommen. Ihre Zwischenergebnisse zeigten ganz deutlich, dass Schichtarbeit gesellschaftliche und soziale Ausgrenzung hervor rufe. Neben den gesundheitlichen Schädigungen für den Einzelnen würden insbesondere die Kinder leiden. So hätten z.B. die Kinder von Schichtarbeitenden schlechtere schulische Bildung und weniger Freunde, da sie lieber zuhause spielten.

Jochen Homburg thematisierte die Entwicklung der tatsächlichen Arbeitzeit in der Metall- und Elektroindustrie. Analog der Gesamtwirtschaft sei laut Homburg die geleistete Wochenarbeitszeit (WAZ) auf inzwischen knapp 41 Stunden gestiegen. Bei einer tariflichen WAZ von 35 Stunden ergebe sich ein Abstand der deutlich zu groß sei. „Wir haben in der Arbeitszeitfrage deutlich an Boden verloren“, so Homburg. Anders als noch in den 80er und 90er Jahren als die Auseinandersetzung um die 35 Stunde Woche für ein gemeinsames Ziel in der Arbeitzeitpolitik sorgte, franse seither die betriebliche Wirklichkeit aus. Dies sei insbesondere in Mittel- und Kleinbetrieben festzustellen.
Homburg plädierte dafür die Haltelinien des Tarifvertrags und der Betriebsvereinbarungen zu nutzen und das Thema „Arbeitszeit“ betrieblich anzupacken.

Zurück