2. Halbjahr 2007
„Wir ham die Schnauze voll . . .“ (16.11.2007)
Einzelhandelsbeschäftigte von sieben Betrieben der Region im Ausstand
Am Freitag war in den frühen Morgenstunden schon für viele Einzelhandelsbeschäftigte die kalte Winternacht zu Ende. Sie postierten sich als Streikposten etwa vor Kaufland und der Galeria Kaufhof. Mittags zogen 250 Protestierende aus sieben Betrieben, überwiegend Frauen, durch die Innenstadt und skandierten „Wir ham die Schnauze voll, wir ham die Schnauze voll . . .“. Sie fordern unter anderem eine Gehaltserhöhung sowie den Erhalt von Weihnachts- und Urlaubsgeld.

In sieben Betrieben der Region hatte die Gewerkschaft ver.di zum ganztägigen Streik aufgerufen, weil die Arbeitgeber des Bayerischen Einzelhandels seit zehn Monaten kein Gehaltsangebot machen, sondern – im Gegenteil – den Beschäftigten massive Verschlechterungen abverlangen wollen: Die tariflichen Sonderzahlungen stehen zur Disposition, sämtliche Zuschläge für Nacht- und Spätöffnung, für Sonn- und Feiertagsarbeit wollten die Arbeitgeber streichen und zum Teil sogar „Arbeit auf Abruf“ einführen, so dass nicht einmal mehr die Freizeit planbar wäre, lautet die Kritik.

Betroffen vom Ausstand waren Kaufland und Marktkauf in Schweinfurt, die 25 Filialen im Schlecker-Bezirk Schweinfurt sowie Galeria Kaufhof in Schweinfurt, Kaufland in Bad Kissingen und die 32 Schlecker-Filialen im Bezirk Hammelburg sowie die acht Filialen im Schlecker-Bezirk Bad Neustadt/Saale auf bayerischer Seite.
Etwa 200 Streikende und Solidaritäts-Delegationen aus anderen Branchen kamen ab 9 Uhr im Streikzelt auf dem Zeughaus-Parkplatz zusammen, wo sie eine Stärkung und warme Getränke bekamen und sich bei einer Art Streik-Party warm hielten. Später stießen 40 Kollegen von der Galeria Kaufhof dazu, die nach Jahren wieder mal mitstreikten und mit viel Applaus begrüßt wurden.

Streiks im Weihnachtsgeschäft?

ver.di-Streikleiter Peter König war euphorisch. Dass er so viele Streikende zum Ausstand bewegten kann, hätte er nicht gedacht. „Wenn wir es jetzt schon schaffen, die Leute an einem Freitag aus dem Betrieb zu holen, schaffen wir es auch mitten im Weihnachtsgeschäft.“ Genau diese Drohung ist es, mit der die bayerische Arbeitgeberseite zur Fortsetzung der Verhandlungen und einem ernsthaften Angebot gedrängt werden soll. Die letzte ergebnislose Verhandlungsrunde war am 23. Juli – seither ist nichts geschehen.


Die Wut unter den Beschäftigten ist offenbar groß. „Wir ham die Schnauze voll, wir ham die Schnauze voll“, skandierten sie lautstark später beim Zug durch die Innenstadt. Noch vor den ersten Reden verzeichnete die Gewerkschaft 25 neue Beitritte – gut zehn Prozent aller, die am Protestzug teilnahmen.
„Wenn ihr so weiterkämpft, habt ihr Weihnachten ein schönes Geschenk unterm Tannenbaum – 120 Euro mehr“, ermunterte der DGB-Regionsvorsitzende Frank Firsching die Streikenden. Die entscheidende Frage sei: „Wie viel ist die Arbeit wert, wie viel sind die Menschen wert?“ Mehr jedenfalls, als Arbeitgeber derzeit zu zahlen bereit seien.

Jens Öser, Vertrauenskörperleiter bei Schaeffler/FAG, sagte im Solidaritätsgruß des Metall-Konzern, die Chefs hätten den Respekt vor der Arbeit und den Menschen, die sie tun, verloren. „Den müsst ihr euch zurückholen.“
„Seit zehn Monaten verarschen euch die Arbeitgeber, es geht nichts voran“, rief Betriebsseelsorger Peter Hartlaub unter Pfiffen und Protest-Rufen. Die Arbeitgeber wollten Arbeit „so billig machen wie Dreck“. Das sei sie gewesen, bevor die Menschen sich Arbeitnehmerrechte erkämpft hätten. „Bleibt standhaft, dann liegt unter dem Weihnachtsbaum ein ordentliches Päckchen“, sagte Hartlaub unter Beifallsrufen.

„So lange sich unsere Arbeitgeber wie Raubritter benehmen, müssen wir uns zur Wehr setzen“, gab sich Schlecker-Betriebsrätin Ursula Bieber kämpferisch. „Wunderbar“ fand Betriebsrat Klaus Michl (Edeka Gochsheim), die Streik-Aktion. „Wenn die uns weiter ärgern, machen wir das in der ganzen Republik.“ In dieses Horn stieß Wolfgang Ratmann (Galeria Kaufhof). Caroline Hofer (Kaufland Bad Kissingen), Heike Gittel (Schlecker-Bezirk Schweinfurt) und Marion Semmler (Schlecker-Bezirk Bad Neustadt) forderten auskömmliche Gehälter und wiesen Einschnitte in tarifliche Leistungen scharf zurück.

Lautstark zogen die 250 Frauen und Männer dann durch die Innenstadt: selbstbewusst, sehr entschlossen. Auch am Samstag werden fünf der sieben Betriebe weiter bestreikt. Streikleiter König. „Die Arbeitgeber sollen ruhig spüren: Weihnachten steht vor der Tür, und wenn sie uns weiter ärgern, auch wir.“

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