2. Halbjahr 2007
Streik notfalls auch an Heiligabend - Tarifstreit im Einzelhandel: Schlecker-Beschäftigte streiken zum dritten Mal (19.12.2007)
Der Tarifstreit im Einzelhandel hat einen neuen Höhepunkt erreicht: Am gestrigen Mittwoch bestreikten Beschäftigte von Schlecker gemeinsam mit der Gewerkschaft ver.di erstmals mitten im Weihnachtsgeschäft Filialen in der Region Main-Rhön. Betroffen hiervon waren auch gut 50 Geschäfte der Drogeriekette in Stadt und Landkreis Schweinfurt.

Der Lärm ist ohrenbetäubend. Die 80 Frauen auf dem Postplatz haben Tröten, Trillerpfeifen und Ratschen mitgebracht, um ihren Forderungen nach fairen Arbeits- und Lohnbedingungen Nachdruck zu verleihen. „Hey Boss, ich will mehr Geld“, ist auf einem der Plakate zu lesen.

Nunmehr schon sieben Monate dauert der Tarifstreit im bayerischen Einzelhandel an. Seit Juli gibt es in der Stadt immer wieder Streiks, nicht nur bei Schlecker, sondern auch bei Kaufland, Marktkauf und Galeria Kaufhof. Gestern war es bereits der fünfte Streiktag. Schlecker war zum dritten Mal betroffen. Die Streikbereitschaft ist aus Sicht von Peter König von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di ungebrochen.
„Die Arbeitgeber sind uns bislang keinen einzigen Cent entgegengekommen“, klagt der Streikleiter über deren Blockadehaltung. „Es ist eine verrückte Welt, in der wir jetzt schon in der Weihnachtszeit streiken müssen.“ 125 Euro mehr im Monat lautet eine Forderung, 50 Euro mehr für Azubis und ein existenzsicherndes Mindesteinkommen bei Vollzeit von 1500 Euro. Bislang sind es im ersten Beschäftigungsjahr gerade einmal 1200 Euro brutto. König: „Und davon sollen die Leute ihren Kühlschrank voll kriegen?“

Auch Weihnachts- und Urlaubsgeld sind in Gefahr, zudem sollen die Zulagen für Spätarbeit ab 18.30 Uhr fallen. Eine Kaufhof-Mitarbeiterin, die sich dem Streik spontan angeschlossen hat, stellt voller Zorn fest: „Wir wollen nicht länger arbeiten bei gleichzeitig weniger Geld – das wollen nur unsere Arbeitgeber.“
Angeprangert werden von ver.di bei der Streikkundgebung auf dem Georg-Wichtermann-Platz zudem die „unsozialen Arbeitsbedingungen“, vor allem bei Schlecker.
Weil dort die Beschäftigten oftmals alleine in den Filialen arbeiten müssen, könnten sie kaum je auf die Toilette gehen, ohne das Geschäft unbeaufsichtigt zu lassen. Aus Protest dagegen präsentieren die Streikenden gleich die passende Lösung: einen kombinierten WC- und Arbeitsstuhl. „So stellt sich das Schlecker wohl vor: Dann müsst Ihr überhaupt nicht mehr von der Kasse aufstehen und könnt dort das Dringendste erledigen“, erklärt Peter König unter großem Gelächter der Beteiligten.

Doch es wird noch surrealistischer, mitten im Weihnachtstrubel, als plötzlich der Osterhase auftaucht. Der verteilt wie gewohnt Süßigkeiten an die Streikenden und Schaulustigen, „weil uns die Arbeitgeber ständig nur Saures geben und wir nicht bis Ostern auf einen Abschluss warten können“, meint der Streikleiter.
Unterstützung bekommen die Schlecker-Beschäftigten von DGB, IG Metall und der Arbeitsloseninitiative Sali. DGB- Regionsvorsitzender Frank Firsching erinnert, gerade im Bereich Handel, an die immer größere Zahl von Mini-Jobs und Teilzeitarbeit und fordert, dieses System zu durchbrechen. Der Bundestagsabgeordnete Klaus Ernst (Die Linke) appelliert an die Arbeitgeber, „die Knausereien“ zu beenden: „Kein Wunder, dass viele Leute sich ungerecht behandelt fühlen und glauben, der Aufschwung kommt bei ihnen nicht an.“

Wirtschaftliche Verluste muss Schlecker durch den Streik nicht fürchten: Trotz einer Streikquote von 90 Prozent sind die Filialen geöffnet. Immerhin lassen sich die Schlecker-Frauen die weihnachtliche Stimmung nicht vermiesen. „Morgen Kinder wird's was geben“, singen sie, und Peter König fügt schnell noch seinen größten Weihnachtswunsch an: „Hoffentlich einen Tarifabschluss. Sonst wird notfalls auch an Heiligabend gestreikt.“

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