Schweinfurt. In ihrem Abschlussstatement brachte es die Caritas- Geschäftsführerin Ulrike Schmitt auf den Punkt: „Ich bin überrascht und freue mich riesig über die große Teilnehmerzahl dieser Veranstaltung. Sie zeigt, dass ein Sozialpass dringend nötig ist.“ Etwa 200 Interessierte waren ins evangelische Gemeindehaus gekommen, um die Veranstaltung „Armut und Ausgrenzung- was kann ein Schweinfurter Sozialpass“ zu besuchen.
Mit ihrer Teilnahme unterstrichen sie eindrucksvoll ihre Anforderungen an die Kommunalpolitiker in Stadt und Landkreis Schweinfurt, die an einem Sozialpass wohl nicht mehr vorbeikommen werden. Betont wird diese Einschätzung durch über 5000 Unterschriften, die Modertor Jochen Keßler- Rosa nicht ohne Stolz zu Beginn präsentierte.
In den Kurzbeiträgen der prominent besetzten Podiumsrunde spannten die Protagonisten den Bogen vom weltweit ungerecht vereilten Reichtum bis zu den Schweinfurter

„Armutsstatistiken“. So wies die stellvertretende Vorsitzende des DGB Bayern, Heide Langguth, darauf hin, „dass wir auch über Reichtum reden müssen, wenn wir die Armut thematisieren“. Dekan Oliver Bruckmann (ev. Kirche) addierte die von Armut betroffenen in der Stadt Schweinfurt auf knapp 7000 Menschen und im Landkreis auf etwa 4500 Personen. Statistische Zahlen hinter denen sich konkrete Schicksale verbürgen. Sein katholischer Kollege, Dekan Fries forderte in diesem Zusammenhang die Stadt auf nach der gelungenen Aufpolierung der Fassade jetzt notwendige soziale Projekte in Angriff zu nehmen. Diese Meinung unterstrich der stellv. Vorsitzende des VdK Bayern, Michael Pausder, mit der Feststellung, dass die Armut in allen Altersgruppen der Bevölkerung dramatisch zunähme. Insbesondere die Kinderarmut entwickle sich besorgniserregend.
Eindringlich, anschaulich und bewegend schilderten Betroffene, Mitarbeiter von Wohlfahrtsverbänden und ehrenamtlich Tätige ihre Erfahrungen mit Armut und Ausgrenzung. Eine Pfarrerin erzählte von einem Gehbehinderten, der sich mehrmals in der

Woche zu medizinischen Behandlungen in die Stadt schleppt, weil er sich den Bus nicht leisten könne. Klaus Wanka, Leiter der Schweinfurter Tafel, berichtete von Landkreisbewohnern die nur selten die Tafelangebote nutzen könnten, weil für sie die teure Busfahrt aus ihrer Gemeinde zur Ausgabestelle in der Stadt unerschwinglich sei. Rentenberater Joachim Fiedler berichtete von der Scham vieler alter Menschen, die den Gang zu den Ämtern scheuen würden, weil sie dort ein teilweise würdeloser Umgang herrsche.
Anschließend kam die Kommunalpolitik ins Spiel, die letztlich entscheiden muss, ob es etwas wird mit einem Sozialpass. In den Haushaltsberatungen des Stadtrats wurde der Sozialpass zunächst mit den Stimmen von CSU und Freien in Bausch und Bogen

aus Kostengründen abgelehnt. Sozialreferent Jürgen Montag errechnete nämlich milchmädchenhaft 1,56 Mio. Euro an Kosten für die Stadt. Stadtrat und LINKE OB- Kandidat Frank Firsching hielt dann in der Stadtratssitzung dagegen, errechnete positive betriebswirtschaftliche Ergebnisse bei einer Sozialpasseinführung und drehte damit die Mehrheitsverhältnisse. Mit großer Mehrheit setzte der Stadtrat das Thema wieder auf die Tagesordnung in die zuständige Ausschüsse und verlangte Gespräche mit dem Landkreis und der Initiative. Laut Moderator Keßler- Rosa will die Initiative die Gespräche in gegenseitigem Respekt mit dem Ziel führen einen gemeinsamen Sozialpass für Stadt und Landkreis Schweinfurt auf den Weg zu bringen. Obwohl Stadtrat und CSU- OB Kandidat Hubertus Sebastian Remele in allen vier Abstimmung stur gegen den Pass stimmte, zeigte er sich in einer Stellungnahme nun gesprächsbereit.
Die Abschlussrunde kam einstimmig zu dem Ergebnis, dass ein Sozialpass nicht alle Armutsprobleme lösen kann, aber notwendig ist, um die Teilhabechancen für Viele zu verbessern. Da doch eine erkleckliche Anzahl von Kommunalpolitikern aus Stadt und Landkreis anwesend waren, gab es am Ende der Veranstaltung berechtigte Hoffnung, dass es gelingen kann.
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