1. Halbjahr 2010
8000 für 840 Siemens- Jobs in Bad Neustadt (10.02.10)
Bad Neustadt. Sowas hatte der Neustädter Marktplatz noch nicht gesehen. Vollgestopft mit 8000 Menschen, die dem Aufruf der IG Metall folgten und für den Erhalt der Arbeitsplätze bei Siemens demonstrierten. Selbst der Organisator war überrascht angesichts der Menschenmassen, die ihre Solidarität ausdrückten.

Moderator und Betriebsbetreuer Jens Öser (IG Metall) begrüßte die Menschenmenge überschwänglich. Darunter Kolleginnen und Kollegen aus vielen Betrieben der gesamten Region. Aus Schweinfurt kamen acht Busse mit Gewerkschaftern von SKF, ZF Sachs, Schaeffler, SRAM und weiteren Firmen. Aus den Haßbergen Busse aus Eltmann und Ebern. Das Gros der Demonstranten natürlich aus der Rhön. Beschäftigte der Veraltungen, von Behörden, Metaller und Metallerinnen von Preh, BSH und Reich, sogar ein Kindergarten war vertreten, Geschäftsinhaber, Rentner, Bürgermeister, sogar von Daimler Sindelfingen war eine Delegation angereist, verkündete Öser.

Erster Redner war der Betriebsratsvorsitzender des Siemens Werkes Bad Neustadt Bernhard Omert. Omert nannte es einen „traurigen Anlass“ der die größte Kundgebung in der Geschichte Bad Neustadt auslöste. Er zeigte sich aber gleichzeitig stolz über die Geschlossenheit der Region, die sich dem Motto „Die Rhön steht auf“ wehrt. Der Gewerkschafter Omert beschrieb die Rhöner Siemensianer als standorttreue Arbeitnehmer, deren Dickschädel bekannt sei. Mit diesem Wissen um die Qualitäten der Rhöner sei er zuversichtlich den Arbeitsplatzabbau zu verhindern. Gleichzeitig verlangte er vom Siemens Vorstand ein Zukunftskonzept zur Standort- und Arbeitsplatzsicherung.

Die Stimmung erreichte einen ersten Höhepunkt als Jugendvertreterin Ann- Kathrin Streit mit der Unterstützung von acht Auszubildenden ans Mikrofon schritt. Die Siemens- Auszubildende fragte nach ihrer Zukunft und sprach „Wer hat sich denn den ganzen Blödsinnausgedacht?“. Ohrenbetäubender Lärm durch Applaus, schrilles pfeifen und tröten in der Menge. Als dann die Azubis auf der Bühne Schilder mit Buchstaben in die Höhe hielten auf denen die Worte „STEHN AUF“ stand, fragte Ann- Kathrin durch die Lautsprecher „Uns reicht es, wir“ „STEHN AUF“ rief die Menge zurück.

Die richtige Einstimmung für Hauptredner Peter Kippes, dem 2. Bevollmächtigten der Schweinfurter IG Metall. Mit eindrucksvollen Zahlen beschrieb der eloquente Redner die Größe der Firma Siemens. 1847 gegründet beschäftige die Firma weltweit 405 000 Menschen in 190 Länder. Allein in Deutschland habe Siemens 125 Standorte. Um dieses „Gegner in der Sache“ umzustimmen brauche es einen „langen Atem, gute Argumente, reichlich Freunde und grenzenlose Solidarität“, so Kippes unter großer Zustimmung der Demonstranten. Der 2. Bevollmächtigte warnte eindringlich vor dem Kapitalismus pur und forderte Siemens- Chef Löscher direkt auf die Entscheidung zu revidieren. „Früher hieß es die Gewinne von heute sind die Investitionen von morgen und die Arbeitplätze von übermorgen. Heute ist alles anders. Die Gewinne von heute sind die Spekulationen von morgen und die Finanzkrise von übermorgen.“, sagte Kippes. Mit einem geplanten Gewinn von 1,5 Milliarden Euro im 1. Quartal 2010 sei Siemens auch kein Sanierungsfall. Abschließend beschwor Metaller Kippes: „Wir haben hier eine engagierte, gut ausgebildete, hoch motivierte Mannschaft. Wir können alles. Man muss uns nur lassen!“ Tosender Beifall.

Grußworte und Solidaritätsbekundungen kamen von Betriebsseelsorger Peter Hartlaub, Landrat Habermann und Bürgermeister Altrichter, von Bernd Keil (SKF Betriebsrat) und Egon Friedel (Preh). Dabei schlug Landrat Habermann vor mit 100 Bussen zur Siemens- Zentrale nach München zu fahren, sollte es nötig sein. Jens Öser nahm den Ball sofort auf und mahnte die Zahlung von 50 Bussen durch den Landrat an. Die Stimmung erreichte einen nächsten Höhepunkt.
DGB Regionsvorsitzender Frank Firsching überbrachte die solidarischen Grüße von über 61 000 Gewerkschaftsmitgliedern der Region Schweinfurt- Würzburg. Firsching sagte „Die Rhön steht auf und ganz Unterfranken steht hinter der Rhön.“ Er machte den Demonstranten mit einem örtlichen Beispiel Mut. „Vor fünf Jahren wollte Schaeffler die Niederlassung in Eltmann schließen. Unser gemeinsamer Protest führte dazu, dass es den Betrieb mit 500 Mitarbeitern heute immer noch gibt!“ Nach dieser Aussage kochte der Marktplatz. Allerdings gab Firsching zu bedenken, gebe es keine Erfolgsgarantie. Allerdings gebe die Solidarität in einer Gewerkschaft die nötige Kraft um eine Auseinandersetzung überhaupt führen zu können.

Als Überraschungsgast schaffte es der 1. Bevollmächtigte und MdB Klaus Ernst gerade noch rechtzeitig zur Kundgebung um dort sprechen zu können. Ernst prangerte die Siemens- Methoden zur Arbeitsplatzvernichtung scharf an und sagte „Nicht Löscher ist Siemens- ihr seid Siemens!“ Die Kundgebung hatte ein würdiges Ende gefunden, das wohl der erst der Anfang eine intensiven Auseinandersetzung ist.

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