1. Halbjahr 2010
Der „heiße Stuhl des DGB“ begeistert 350 Besucher (20.02.10)
Schweinfurt. Es dürfte einige Zeit her sein, dass die Galerie im Schweinfurter Naturfreundehaus geöffnet werden musste, um allen Besuchern bei einer politischen Veranstaltung Platz zu bieten. Bereits eine halbe Stunde vor dem Beginn des „heißen Stuhl“ vom DGB zur OB-Wahl ging nichts mehr, alle Sitzplätze waren vergeben. Fast 350 Bürger waren es gewiss, die hören wollten, was die Kandidatinnen und Kandidaten für das Schweinfurter Oberbürgermeisteramt zu sagen hatten.

DGB-Chef Frank Firsching ist selbst einer der sechs Bewerber für den Chefsessel im Rathaus. Er wurde neben seinen Konkurrenten also persönlich auf den „heißen Stuhl“ gesetzt und wie alle Kandidaten auf Herz und Nieren geprüft. Folglich übergab er zu Beginn das Wort an den Journalisten Holger Laschka. Der führte durch den Abend, der vom DGB und TV1 gemeinsam vorbereitet wurde. TV1 sendet seine Aufzeichnung in dieser Woche am Donnerstag und am Sonntag jeweils um 19.30 Uhr.

Zuerst war es der CSU-Bewerber Sebastian Remele, der auf dem Hocker am Podium Platz nahm. Die Regeln des Gesprächs waren festgelegt. Remele´ wurde zunächst von Holger Laschka eine Viertelstunde lang befragt. Anschließend kam das Publikum mit seinen Anliegen zu Wort, ebenfalls eine Viertelstunde lang. In der weiteren Reihenfolge waren es dann Kathi Petersen (SPD), Stefan Labus (SWL), Frank Firsching (DIE LINKE), Christiane Michal-Zeiser (prosw) und Marc-Dominic Boberg (Bündnis90/Die Grünen), die nach dem gleichen Muster Rede und Antwort standen.

Die Probleme der Arbeitswelt brannten vielen Zuhörern auf den Nägeln: Wie halten sie es mit den Reinigungsfirmen am Leopoldina Krankenhaus, sollen die tarifgerecht bezahlt werden? Wie wollen Sie jungen Menschen in Ausbildung bringen. Wie geht es mit dem AFZ weiter? Was geschieht mit den Zivilbeschäftigten der US-Streitkräfte? Warum sind sie für Sonntagsarbeit? Sebastian Remele´ sah in der Frage der tarifgerechten Bezahlung des Reinigungspersonals „derzeit keinen Handlungsbedarf“. Kathi Petersen dagegen war sich sicher: „Die Stadt muss Tariflöhne bezahlen“. Frank Firsching ließ überhaupt keinen Zweifel aufkommen: „Mit mir als Oberbürgermeister werden Tarifverträge eingehalten“.

Der Sozialpaß war ein anderes heißes Eisen. Sebastian Remele´ begründete seine Ablehnung. „Für den Sozialpaß ist kein Bedarf vorhanden - es gibt ihn schon“, behauptete er. „Wovon aber scheinbar keiner mehr etwas wissen will, offensichtlich ist der eingeschlafen“, warf Moderator Holger Laschka ein. „Eingeschlafen worden“, tönte ein Zwischenruf aus dem Saal, was zu lautem Gelächter beitrug. Marc-Dominic Boberg bezeichnete es als Skandal, dass die Stadträte „nicht mehr wissen, was sie einmal beschlossen haben“. Frank Firsching nannte es unglaublich, wie die Verwaltung mit dem alten Sozialpaß umgeht: „Mit mir als OB passiert so etwas ganz sicher nicht“, sagte er. Sowohl Kathi Petersen als auch Frank Firsching äußerten den Standpunkt, dass es ihnen beim Sozialpaß um gesellschaftliche Teilhabe für alle Schweinfurter Bürger gehe.

Klar unterschiedlich sahen die Bewerber die Frage nach den eigenen Betrieben der Stadt. Frank Firsching beschrieb die heutigen Umstände als wenig transparent. Als Oberbürgermeister wolle er eine Rückführung in Eigenbetriebe angehen. Das Argument, die öffentliche Hand könne wirtschaftlich nicht zuverlässig handeln, hielt er für falsch. Im Publikum fand er dafür dem Applaus nach zu urteilen reichlich Zustimmung. Seine Konkurrentin Christiane Michal-Zaiser sah das völlig anders: „Mit mir gibt es keine Rückführung der städtischen Gesellschaften in Eigenbetriebe“, sagte sie. Unterstützung in dieser Angelegenheit erhielt Frank Firsching von Marc-Dominic Boberg: „Die Transparenz ist in den GmbH´s“ verloren gegangen“, beschrieb auch er die Lage.

Stefan Labus, mit Sprachschwierigkeiten kämpfend, warb bei seiner Befragung dafür, Blockheizkraftwerke durch städtische Aufträge zu fördern. Wirtschaft erklärte er zur „Chefsache“. Da lag er genau auf Linie mit Christiane Miachal-Zeiser. Für den Fall ihrer Wahl will sie das nämlich auch. Große Ohren gab es bei den Zuhörern, als Stefan Labus davon sprach, er plane Schritte in Sachen Sicherheit und Ordnung. „Da muss mehr getan werden“, sagte er. Genaueres dazu blieb beim „heißen Stuhl“ jedenfalls nebulös, seine Pläne veranschaulichte er nämlich nicht. In der Jugendarbeit will er das ehemalige Jugendparlament wieder beleben. Frank Firsching sieht die beste Förderung der Jugend darin, Ausbildungsplätze zu schaffen. Im Gegensatz dazu sprach Sebastian Remele´ davon, dass ohnehin meist „über Bedarf“ ausgebildet werde. Bei den Zuhörern fand seine Einstellung wenig Gegenliebe. „Wo leben Sie denn?“, rief ein Zuhörer im Saal.

Fast einig waren sich die Kandidaten bei der Bewertung des derzeitigen Führungsstils im Schweinfurter Rathaus. „Das kann besser werden“, so Kathi Petersen. „Im Rathaus herrscht Kälte“, meinte Christiane Michal-Zeiser. Gleiche Töne gab es von Marc Dominic-Boberg. Der sah ebenfalls Handlungsbedarf in Sachen „Rathausklima“. Bei Fragen nach der Stadtgalerie gingen die Meinungen wieder auseinander. Sebastian Remele´ sieht hier eine Bereicherung - andererseits will er aber auch keinen Ausverkauf der Innenstadt. Kathi Petersen unterstrich noch einmal ihre ablehnende Haltung - sie sprach von der Notwendigkeit „die Innenstadt zu schützen“. Stefan Labus stimmte zwar grundsätzlich für das ECE, eine weitere Erweiterung lehnte er aber ab.

Frank Firsching lenkte in seinem Beitrag ein Augenmerk auf die energetische Sanierung der städtischen Hochbauten. Für ihn sind das „sinnvolle Investitionen in Gebäude, weil so perspektivisch Geld gespart werden kann, die Stadt muss in dieser Frage mehr tun“, forderte er.

Beim „heißen Stuhl“ von DGB und TV1 hat sich keiner der Kandidaten den Hintern verbrannt. Punkte zu gewinnen und zu verlieren gab es dennoch. Die Sympathien der Zuhörerschaft lagen unverkennbar dort, wo Standpunkte im Sinne der arbeitenden Bevölkerung in Stadt Schweinfurt vertreten wurden. Holger Laschka war am Ende überaus zufrieden: „Mit soviel Resonanz habe ich nicht gerechnet - das war die größte Veranstaltung im Schweinfurter OB-Wahlkampf“. Nach einer kurzen Unterbrechung ergänzte er seinen Satz: „Wo die Zuhörer freiwillig anwesend waren“. Ein abschließender juxiger Hinweis des Diskussionsleiters auf eine nichtöffentliche Wahlveranstaltung des Werbevereins der Unternehmer „Schweinfurt erleben e. V.“.

Hinweis: Die Aufzeichnung der Sendung ist in dieser Woche am Donnerstag und am Sonntag, jeweils um 19.30 Uhr bei TV1 zu sehen. Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite von TV1 unter www.tv-1.de  sowie auf der Internetseite www.swex.de

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