SRAM verlagert Produktion nach Asien (30.06.10)
Schweinfurt. Bei SRAM im Maintal stehen die Zeichen stehen auf Personalabbau: Betriebsrat, IG Metall und Geschäftsleitung beim Fahrradkomponenten-Hersteller SRAM haben sich geeinigt. Die Wahl des Ortes für die Pressekonferenz spricht Bände. Vor dem Werkstor in der Romstraße 1 im Maintal informierten IG Metall und Betriebsrat. Die Geschäftsleitung nahm nicht teil, stellte an diesem heißen Tag auch kein klimatisiertes Büro zur Verfügung. IGM-Chef Peter Kippes sprach von einem „Schwarzen Tag“ für Schweinfurt. Hier wurde die Freilaufnabe für das Fahrrad erfunden. Jetzt werde das Know-how nach Fernost portofrei verschickt. Kippes: „Das ist ein Ende mit Schrecken. Die Lust am Radfahren verliert man, wenn Arbeitsplätze in Deutschland gestrichen werden, weil anderswo auf der Welt Gefangene billiger arbeiten.“
Rückblick: 1997, es war der 7. November, Sachs gliederte als weltweit führendes Unternehmen bei der Nabenschaltung die Zweiradkomponentenfertigung aus. Die erst zehn Jahre alte SRAM Corporation in Chicago, die sich durch den GripShift-Drehgriff einen Namen gemacht hatte, übernahm 400 der 700 Mitarbeiter in Schweinfurt. Die Fabrik im Maintal wurde gebaut, wozu Stadt und Staat in die Fördertöpfe langten.
Schon fünf Jahre später waren die Schlagzeilen keine guten. Die Produktion sollte nach Tschechien verlagert werden, was der Betriebsrat mit Unterstützung von Politik, IGM und Öffentlichkeit abwenden konnte. 61 Arbeitsplätze wurden jedoch gestrichen. In den folgenden Jahren überraschte SRAM mit positiven Nachrichten. Der Konzern mauserte sich zu einem Ausstatter der weltbesten Fahrer auf den Rennmaschinen und den Mountainbikes, brachte neue Naben für Otto-Normalverbraucher auf den Markt.
Gerüchte über Schließung der Produktion
Im Oktober 2009 verdichteten sich die Gerüchte über eine Schließung der Produktion am Standort Schweinfurt. Die Geschäftsleitung bestätigte nicht, dementierte nicht, räumte auf Druck des Betriebsrats eine Beschäftigungssicherung bis Ende April 2010 ein. Nicht aus der Welt ist die Vermutung, dass die Konzernleitung den Ruhestand des Betriebsratsvorsitzenden Heinz Amling abwarten wollte.
Seine Nachfolge als Betriebsratsvorsitzender trat am 20. Januar Ernst Gößmann an. Mitte Februar informierte dann die Geschäftsleitung Gößmann und Amling über Betriebsänderungen, die dann auch am 23. März in einer Pressekonferenz verkündet wurden. Zielvorgabe: Abbau der Fertigung und der Montage in Schweinfurt ab 1. Juli 2010 bis 2011. Das hieß, dass knapp 150 von noch nur 265 Mitarbeitern demnächst auf der Straße stünden.
Vollmundig wurde erklärt, dass SRAM mit seinen Marken SRAM, RockShox, Avid, Truvativ und Zipp (Schaltgriffe, Schaltwerke, Kassetten, Ketten, Getriebenaben, Federgabeln, Dämpfer, Scheiben- und Felgenbremsen, Kurbeln, Lenkern, Vorbauten, Sattelstützen, Innenlager und Pedale – gefertigt in eigenen Werken in USA, Irland, Portugal, Holland, Deutschland, Taiwan und China) voll und ganz auf den Standort Schweinfurt setze. Der Hinkefuß: Die Produktion der Naben müsse raus aus Deutschland, müsse zu den Fahrradproduzenten, die sich in Asien konzentrierten. Damit war ein Stellenabbau auf gerade noch 100 Mitarbeiter im Maintal angesagt.
Den Verbleibenden wird von der Geschäftsleitung eine rosige Zukunft geschildert. Denkfabrik solle Schweinfurt werden, auf deutsche Ingenieurleistungen wolle man nicht verzichten, hier alle Neuentwicklungen für alle Marken samt den Service fest installieren. Diese Zeitung fragte damals „Höhenflug oder Bruchlandung“.
In der Pressekonferenz hieß es damals: „Die Zukunft des Standorts ist nicht in Frage gestellt, vielmehr wird SRAM verstärkt in die Entwicklung und Produktion von Getriebenaben weltweit investieren.“ Der Abbau der Produktion wurde in Phasen versprochen, der Aufbau der Entwicklungsabteilung für den Gesamtkonzern zugesichert.
Auf Wunsch des Betriebsrats blieb Amling bei SRAM, ließ sich Monat für Monat seinen Anstellungsvertrag verlängern, war erst Berater des Betriebsrats, in den vergangenen Wochen dann Verhandlungsführer (auch für die IG Metall). Und die Mitarbeitervertretung (86 Prozent bei der IGM organisiert) machte alsbald klar: „Mit uns keine betriebsbedingten Kündigungen!“
Option, die Reduzierung zu reduzieren
In vielen Verhandlungsrunden hat sich die Arbeitnehmervertretung durchgeboxt. Zuerst wurden Kündigungen bis zum Ende der Verhandlungen, die erst vor wenigen Tagen endeten, ausgesetzt. Bis in den Dezember hinein bleiben alle Mann an Bord. Zum 1. Januar 2011 wird eine Transfergesellschaft eingerichtet, die 88 Mitarbeiter über ein Jahr hinweg fit machen muss für den Arbeitsmarkt. In dieser Zeit bekommen sie 80 Prozent des bisherigen Lohns von SRAM überwiesen. Sollte sich die Auftragslage für Schweinfurt und für das verbleibende Personal nicht bessern, was vielleicht ja auch gar nicht gewünscht ist, kann die Firma ab Juli erneut Mitarbeiter in die Transferfirma schicken, in einer dritten Phase ab Juli 2012 und letztmals ab Januar 2013. Über diese Laufdauer besteht allerdings auch die Option, bei steigenden Aufträgen die Personalreduzierung zu reduzieren.
Bei der Transferfirma einigten sich die Verhandlungsführer auf einen Anbieter, der dem Verband der bayerischen Wirtschaft nahesteht und eine Vermittlungschance in Höhe von 70 Prozent in Aussicht gestellt hat. Klappt das nicht, droht Hartz IV. Für die Transfergesellschaft muss SRAM bis zu 4,3 Millionen Euro zur Verfügung stellen.
Weitere über sechs Millionen Euro sind für Abfindungen und Freistellungen einzukalkulieren, wofür der Konzern in Chicago ebenfalls bürgt. Wer über 60 Jahre alt ist, bekommt bei der Freistellung 80 Prozent des Lohnes bis zur Rente mit 63. Wer 58 und 59 Jahre ist, hat Anspruch auf eine bezahlte Freistellung bis 61.
Gesichert ist der Standort Schweinfurt zumindest bis in das Jahr 2015. In der Entwicklung und der Vermarktung, in der Logistik und dem Versand soll es dann noch mindestens 110 Mitarbeiter geben. Pläne hat das Unternehmen auch für die bald leeren Hallen. Dort soll eine Rennbahn eingerichtet werden, für Kundendemonstrationen und die Entwicklungsabteilungen.
Mainpost- Artikel vom 30.06.10 |
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