DGB Jugend
Fachkräfteaustausch in Israel (19.04.10)

Persönlicher Reisebericht von Ulrike Eifler

Vom 8. bis 15. April nahmen zehn Vertreter der DGB-Jugend Bayern an einem Fachkräfteaustausch in Israel teil. Eine Woche lang hatten sie Gelegenheit, das Land und die Kollegen der israelischen Gewerkschaft Histadrut kennenzulernen.


Im Zentrum standen daher vor allem Betriebsbesichtigungen. So erklärten uns die Kolleginnen und Kollegen des Betriebsrates beim Pharma-Hersteller Teva Tech in Beer Sheva, dass sie – wie unsere Kollegen hier in Deutschland auch – massiv mit Produktionsverlagerungen in Deutschland konfrontiert sind. Trotzdem führten sie in den letzten Jahren offensive Arbeitskämpfe für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Geld.

Ein anderes Problem hatte der Betriebsrat der Magnesium-Werke. Die Gewinnung von Magnesium aus dem Toten Meer macht den Standort zumindest für die nächsten fünfzig Jahre relativ sicher. Da Magnesium als Leichtmetall aber vor allem von der Autoindustrie nachgefragt wird, bekamen sie die Krise im Automobilsektor deutlich zu spüren. Produktionseinbrüche von fast 50 Prozent waren die Folge. Entlassen wurde niemand, aber die Beschäftigten verzichteten zwei Jahre lang auf mehr Geld.

Ein zweiter Schwerpunkt des Austausches war die Auseinandersetzung mit dem Holocaust. So gab ein Rundgang durch die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem einen ausführlichen Überblick über die Entstehung des Antisemitismus, der mit der großen Wirtschaftskrise von 1929 und einem dramatisch sinkendem Lebensstandard breiter Bevölkerungsteile tief in die Gesellschaft eindringen konnte. Bewerkenswert war, dass in Yad Vashem auch aufgearbeitet wurde, dass es nicht nur unter den Deutschen Täter gab. Im Gegenteil: In Deutschland, in Polen, in der Ukraine, in Litauen – beinahe überall gab es Antifaschisten und es gab Kollaborateure.

Doch wer über die Vergangenheit redet, muss auch über die Gegenwart reden. Schon am Flughafen sahen wir, dass sich der Staat Israel bis an die Zähne bewaffnen muss. Starke Sicherheitsvorkehrungen, intensive Befragungen der Passagiere und eine massive Kontrolle der Gepäckstücke prägten den Beginn unserer Reise. Dies setzte sich in Israel fort. Schwer bewaffnete Soldaten vor Universitäten, Taschenkontrollen vor dem Eintritt in Geschäfte und Restaurants, ein breites Angebot von Kriegsspielzeug in den Spielzeugläden und bewaffnete Zivilpersonen auf den Straßen und selbst an den Badestränden bestimmen den Alltag in Israel.

Das hat natürlich seine Gründe: Die Palästinenser, die über Jahrhunderte in Palästina lebten, wohnen heute zusammengepfercht im Gaza-Streifen und im Westjordanland. 1947 war die jüdische Bevölkerung in der Minderheit. Ihr gehörten sieben Prozent des Landes. Drei Jahre später waren es bereits 92 Prozent. Und der Bau jüdischer Siedlungen geht weiter. Die Nationalhymne Israels richtet sich an die Juden und lässt die muslimischen Bevölkerungsteile unberücksichtigt. Muslime haben heute die mieseren Jobs und die schlechteren Bildungsabschlüsse.

Der Holocaust gehört zu den dunkelsten Kapiteln und den tragischsten Erfahrungen der Weltgeschichte. Doch er darf uns nicht blind machen gegenüber den politischen Entwicklungen, die in Israel stattfinden. Deshalb muss die Auseinadersetzung mit dem Holocaust eine politische Auseinandersetzung sein, keine moralische. Wir müssen nach den Ursachen von Faschismus, Antisemitismus und Holocaust fragen und versuchen zu verstehen, was vor über 70 Jahren passiert ist. Wer den Nahost-Konflikt durch die Brille des Holocaust betrachtet, wird Probleme haben, das große Unrecht, dass den Palästinensern angetan wurde und immer noch angetan wird, zu verstehen. „Lasst uns das Stärkste sein, was die Schwächsten haben“, heißt es mitunter in der Gewerkschaft. Auch im Nahost-Konflikt muss sehr genau abgewogen werden, wer die Schwachen und wer die Starken sind. Vor diesem Hintergrund hat der Fachkräfteaustausch mehr Fragen gestellt, als beantwortet.

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