Grundsätze und Modalitäten zur Verleihung der „Fritz- Soldmann- Urkunde“
Präambel
Es wird merklich kälter im Land. Soziale Errungenschaften werden infrage gestellt. Unternehmensverbände, Politiker und Wissenschaftler postulieren unter heftigem Beifall der Medien die Beschneidung der sozialen Gerechtigkeit zur Chancengleichheit- wohl wissend, dass es diese nicht geben wird. Arbeitslose, Kranke, ältere Arbeitnehmer und Gewerkschaften seien die Ursache für das ausbleibende Wirtschaftswachstum. Ausufernd hohe Sozialleistungen des Staates hätten zur Faulheit entscheidend beigetragen. Sozialtransfers würden Beschäftigungspotentiale, gerade im Niedriglohnsektor, nicht zur Entfaltung kommen lassen. Deshalb müsse der Hebel beim „Übel Sozialstaat“ angesetzt werden. Unternehmen, Vermögende und Besserverdienende müssten entlastet werden um Deutschland wettbewerbsfähig zu machen. So die These der „Reformer“. Zurück in die Vergangenheit sei das Ziel, könnte man meinen. Zurück in eine Vergangenheit die wir hinter uns glaubten? Zurück in eine Vergangenheit in der Unterdrückung, Lohndumping, fehlende soziale Absicherung eine ausgeprägte Klassengesellschaft schafften? Zurück ins 19. Jahrhundert in der Unternehmer die Freiheit besaßen ungeniert ausbeuten zu dürfen? Vor dem Hintergrund dieser gesellschaftlichen Debatten entstand in der DGB- Region Main- Rhön/ Schweinfurt im Jahr 2003 der Wunsch Menschen zu ehren, die diesem Zeitgeist zuwider handeln. Menschen die sich in ihrem Leben für sozial Schwächere, für soziale Gerechtigkeit auch und vor allem gegen den Zeitgeist eingesetzt haben. Menschen, die andere nicht als Kostenfaktor, sondern als Mensch sehen und sich dementsprechend engagieren. Welcher Namensgeber wäre für eine solche Auszeichnung des DGB besser geeignet als Fritz Soldmann, einer der herausragenden Gründer der Schweinfurter Gewerkschaftsbewegung? Zum Leben und Wirken von Fritz Soldmann: Fritz Soldmann wurde 1878 als Sohn des Schneidermeisters Karl Soldmann in Lübeck geboren. Nach dem Besuch der Volksschule erlernt er das Schuhmacherhandwerk. Als Geselle begab er sich auf die Wanderschaft, die ihn auch ins Ausland führte, so nach Dänemark, Holland, Schweiz und Südfrankreich. In dieser Zeit besuchte er auch in den Abendstunden die Volkshochschulen in Chemnitz, Dresden, Leipzig und München. Auf der Wanderschaft beteiligte er sich in einigen Städten an der Gründung von Ortsgruppen des Schuhmacherverbandes. Verschiedentlich wurde er wegen Organisieren von Streiks im Auftrag des Schuhmacherverbandes von Arbeitgebern gemaßregelt und nicht wieder eingestellt. 1903 ließ sich Fritz Soldmann schließlich in Schweinfurt nieder und arbeitete in der bayerischen Schuhfabrik Heimann. Hier agierte er für den Schuhmacherverband und führte mehrere Streiks zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Der Schuhmacherverband war die erste gewerkschaftliche Organisation in Schweinfurt. Bald wurde Soldmann zum ehrenamtlichen Vorsitzenden des Schuhmacherverbandes gewählt. Darüber hinaus war er aktiv tätig im ADGB. 1905 bis 1913 war er bei der Ortskrankenkasse in Schweinfurt beschäftigt. Die im Gewerkschaftskartell vereinigten Gewerkschaften beauftragten ihn am 1.1.1914 mit der Leitung des Arbeitersekretariats in Schweinfurt. Zu seinen Aufgaben gehörte es, die Mitglieder in allen Fragen des öffentlichen Rechts, der Unfall-, Invaliden-, Kranken-, Angestellten- und Arbeitslosenversicherung, sowie des Arbeitsrechts zu beraten, deren Ansprüche vor den zuständigen Stellen und Spruchkammern persönlich zu vertreten und in Gewerkschaftsversammlungen Aufklärungsvorträge zu halten. 1914 wurde er zum Vorsitzenden der Ortskrankenkasse gewählt. Nach der Kriegsteilnahme von 1915 – 1918 wurde Fritz Soldmann Vorsitzender des Schweinfurter Arbeiter- und Soldatenrats und rief die Revolution aus. Von 1919 – 1923 war er Landessekretär der USPD in München. Anschließend wieder Arbeitersekretär bis 1933. Von 1912 – 1933 gehörte Fritz Soldmann dem Schweinfurter Stadtrat an. Vorrügergehend begleitete er das Amt des ehrenamtlichen 3. Bürgermeisters. Er war Mitglied des Reichstags während der ersten Wahlperiode von 1920 – 1924 und von 1932 – 33. Fritz Soldmann bekämpfte den Nationalsozialismus von Anfang an. Auf der letzten Kundgebung der eisernen Front im Februar 1933, nach einem Demonstrationszug unter starker Beteiligung der freien Gewerkschaften, der SPD, des Reichsbanners, des Arbeiter- und Kulturkartells, war Soldmann der Hauptredner. Die Kundgebung fand auf dem Grünen Markt statt, auf dem wenige Tage zuvor mehrere Sozialdemokraten durch Schüsse der Nazis verletzt wurden. Im 3. Reich war Soldmann den schwersten Verfolgungen der Gestapo ausgesetzt, die ihn schließlich Gesundheit und Leben kosteten. Insgesamt wurde er 5 Mal inhaftiert und verbrachte viele Jahre in Gefängnissen und in den Konzentrationslagern Dachau, Sachsenhausen und zuletzt in Buchenwald. Vor dem Sondergericht Bamberg wurde er wegen Hochverrats und Verächtlichmachung der Reichsregierung angeklagt. Das Verfahren wurde aber dann niedergeschlagen. Auf Druck der Gestapo verließ die Familie Soldmann Schweinfurt und zog nach Nordhausen in Thüringen. Vorrübergehend in Freiheit gesetzt, schloss Fritz Soldmann sich dort trotz seines fortgeschrittenen Alters einer Widerstandsbewegung an. Er wurde am 11.04.1945 von US-Truppen aus dem Konzentrationslager Buchenwald befreit und kehrte nach kurzem Hospitalaufenthalt zu seiner Familie in Wernrothe bei Nordhausen zurück. Dort starb er 14 Tage später an den Folgen seiner langen Haft am 31. Mai 1945. Die Schweinfurter Arbeitnehmerschaft, die Gewerkschaften in Schweinfurt aber auch darüber hinaus haben Fritz Soldmann sehr viel zu verdanken. Er nimmt einen herausragenden Platz in der Gewerkschaftsgesichte ein. Seine Treue zur Arbeiterbewegung und Demokratie hat er mit dem höchsten Gut, mit seinem Leben bezahlt. Wir halten seinen Idealen, seinem Lebenswerk die Treue, in dem er einen festen Platz in unserem Gedächtnis und in unserem Herzen hat. Verleihung der „Fritz- Soldmann- Urkunde“: 1. Anforderungen: Die „Fritz- Soldmann- Urkunde“ soll an Menschen aus der DGB- Region Schweinfurt- Würzburg verliehen werden, die sich in herausragender Weise um humane Werte wie soziale Gerechtigkeit und Solidarität verdient gemacht haben. Die „Fritz- Soldmann- Urkunde“ kann in diesem Zusammenhang auch an Kolleginnen und Kollegen vergeben werde, die sich um den Aufbau, Ausbau und Erhalt von Gewerkschaftsstrukturen in der DGB- Region Schweinfurt- Würzburg in besonderer Weise eingesetzt haben. 2. Verleihung: Die „Fritz- Soldmann- Urkunde“ wird jährlich an maximal zwei Personen verliehen. Die Entscheidung über die Verleihung trifft der DGB- Regionsvorstand durch Mehrheitsbeschluss. Die Verleihung kann in einer würdigen Feierstunde im jeweiligen Ortskartell, Ortsverband oder DGB- Kreis ebenso stattfinden wie in einer gemeinsamen Veranstaltung der DGB- Region. Neben der Überreichung der Urkunde wird ein Sachgeschenk überreicht- Geldpreise werden nicht vergeben. 3. Ablauf: 3.1. Vorschlagsberechtigung Vorschlagsberechtigt sind ausschließlich Gremien der DGB- Struktur. Diese Gremien sind die Ortskartelle bzw. Ortsverbände, Kreisverbände, Personengruppen und der Regionsvorstand, jeweils der DGB- Region Schweinfurt- Würzburg. Der Vorschlag ist durch Beschluss des jeweiligen Gremiums festzustellen. 3.2. Zeitlicher Ablauf: Nach Eingang eines Vorschlags muss sich der DGB Regionsvorstand innerhalb der nächsten drei Monate mit dem Vorschlag befassen. Im Falle des Verleihungsbeschlusses soll die Feierstunde mit der Urkundenübergabe in den darauf folgenden neun Monaten stattfinden. 3.3. Kosten Die Kosten im Zusammenhang mit der Verleihung der Urkunden trägt die DGB- Region Schweinfurt- Würzburg, wobei jeweils eine Kostenbeteiligung der Mitgliedsgewerkschaft angestrebt wird, bei der die oder der zu Ehrende Mitglied ist. 4. Änderungen Änderungen zur Verleihung der „Fritz- Soldmann- Urkunde“ können nur vom DGB- Regionsvorstand mit 2/3 Mehrheit beschlossen werden. 25.01.10 Frank Firsching |
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