„Ehre wem Ehre gebührt“ - Rosl Pflaum mit der Soldmann-Urkunde ausgezeichnet (17.04.2008)
„Liebe Rosl, Du bist wieder mal die erste, die erste Frau die mit der Fritz- Soldmann- Urkunde ausgezeichnet wird“, sagte DGB- Regionsvorsitzender Frank Firsching bei seiner Rede während der Ehrung am 17.April in Eltmann. Die ehemalige Betriebsratsvorsitzende von FAG Eltmann wurde „für ihr langjähriges soziales Wirken in Gewerkschaft und Gesellschaft“ mit der höchsten Auszeichnung der DGB- Region Main- Rhön/ Schweinfurt bedacht.
DGB- Kreisvorsitzende Sabine Schmidt begrüßte etwa 50 geladene Gäste. Darunter die Familie Pflaum, Weggefährten aus Gewerkschaft und der Kommunalpolitik, sowie die offiziellen Vertreter des Landkreises Haßberge Herrn Günter Geiling sowie der 3. Bürgermeister der Stadt Eltmann Herrn Hans- Georg Häfner. „Liebe Rosl, eigentlich heißt Du ja Rosina. Aber so willst du nicht genannt werden und weil Du auf Rosl bestehst, nennen wir Dich auch so“, so Sabine Schmidt bei ihrer herzlichen Begrüßung. Nach einer musikalischen Einlage, startete das Programm mit der Einführung zur Fritz- Soldmann- Urkunde von Frank Firsching. Hier ein Auszug aus der Rede: „Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Rosl, Eine Gesellschaft frei, gleich und gerecht. Seit 150 Jahren kämpfen die Gewerkschaften in Europa um dieses Ziel. Einer, der zeitlebens mitkämpfte war Fritz Soldmann. Er wurde am 08. März 1878 in Lübeck als Sohn des Schneidermeisters Karl Soldmann geboren. Erlernte das Schuhmacherhandwerk. Während seiner Wanderjahre als Geselle machte Fritz Soldmann schon frühzeitig die Erfahrung, dass die Arbeitnehmer zusammenstehen müssen, wollen sie Verbesserungen ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen durchsetzen. So beteiligte sich Fritz Soldmann in einigen Städten an der Gründung von Ortsgruppen des Schuhmacherverbandes. Verschiedentlich wurde er wegen des Organisierens von Streiks von Arbeitgebern entlassen und nicht wieder eingestellt. So hat Fritz Soldmann schon in jungen Jahren Gewerkschaftsstrukturen aufgebaut und sich für den Zusammenhalt der Arbeitnehmer eingesetzt. Ein Grund in Fritz Soldmann den Namensgeber unserer Ehrung zu finden. 1903 ließ sich Fritz Soldmann in Schweinfurt nieder und arbeitete in der Schuhfabrik Heimann. Er engagierte sich weiter für den Schuhmacherverband. Organisierte auch in Schweinfurt Arbeitsniederlegungen. Heute kaum mehr vorstellbar, dass eine einzige Person die Arbeitnehmer in so unterschiedlichen Fragen des öffentlichen Rechts, des Arbeitsrechts und allen Sozialversicherungen beriet und vor den zuständigen Stellen und Spruchkammern persönlich vertrat. Sehr geehrte Damen und Herren, ein weiterer Grund unsere Auszeichnung nach Fritz Soldmann zu benennen. Er hat den Menschen ganz praktisch geholfen. Auch eine gewerkschaftliche Aufgabe, die angesichts der Entwicklungen in unserem Land wieder stärker wahrgenommen werden muss! Nach seiner Kriegsteilnahme wurde Fritz Soldmann Vorsitzender des Schweinfurter Arbeiter- und Soldatenrats und rief die Revolution aus. Er nahm verstärkt politische Ämter war, um seine Ideale Wirklichkeit werden zu lassen. So wurde er Landessekretär der USPD in München, von 1919 bis 1923. Über zwanzig Jahre lang gehörte er dem Schweinfurter Stadtrat an, er war Mitglied des Reichstages von 1920 bis 1924 und in den Jahren 1930 bis 1933, als Hitler die Macht übernahm. Persönlich bekämpfte Fritz Soldmann den Nationalsozialismus vehement und konsequent von Anfang an. Betrachten wir uns heute die Zustimmung in der Bevölkerung zu rechtsextremen und ausländerfeindlichen Positionen und Parteien, ist uns der persönliche Widerstand von Fritz Soldmann Mahnung und Vermächtnis zugleich! Er bedeutet uns: Demokraten, tut was gegen den Rechtsextremismus. Handelt miteinander, nicht gegeneinander- vergeht Euch nicht an Schuldzuweisungen. Seine politische Haltung hat ihn schwersten Verfolgungen der Gestapo ausgesetzt. Jahre musste er in Gefängnissen und Konzentrationslagern verbringen. Fritz Soldmann bezahlte seine Treue für die Arbeiterbewegung und für die Demokratie mit dem höchsten Gut, seinem Leben. Er starb am 31. Mai 1945 an den Folgen der jahrelangen KZ- Haft, nachdem er am 11.April 1945 von US- Truppen aus dem Konzentrationslager Buchenwald befreit wurde. Fritz Soldmann nimmt einen herausragenden Platz in der Gewerkschaftsgeschichte ein. In unserer Region, den herausragenden Platz. Auch um die Erinnerung an sein Wirken, an seine Person wach zu halten, hat der DGB- Regionsvorstand die „Fritz- Soldmann- Urkunde“ eingerichtet. Sie wird an höchstens drei Bürgerinnen und Bürger der Region Main- Rhön pro Jahr verliehen, die sich in herausragender Weise um humane Werte wie soziale Gerechtigkeit und Solidarität und den Aufbau gewerkschaftlicher Strukturen zur Durchsetzung dieser Werte verdient gemacht haben. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um mich bei den Familien Soldmann, Weinsdörfer und Müller herzlichst zu bedanken, die freundlicherweise gestattet haben, unsere Auszeichnung nach Fritz Soldmann zu benennen. Liebe Rosl Pflaum, ohne der Laudatio vorgreifen zu wollen, zeigt der Lebenslauf von Fritz Soldmann die Würde dieser Auszeichnung. Im Übrigen bist Du mit dieser Auszeichnung wieder mal die erste, die erste Frau in unserer Region, der diese Auszeichnung zu Teil wird. Du hast sie Dir mit Deinem jahrzehntelangen Engagement für die Sache verdient. Und es ist mir eine besondere Ehre die besten Grüße unseres DGB- Vorsitzenden Michael Sommer und des gesamten Bundesvorstandes zu überbringen. Er gratuliert Dir ganz besonders zu dieser Auszeichnung und hat dies mit seiner Unterschrift auf der Urkunde dokumentiert. Ich schließe mich im Namen aller Gewerkschafter der Region den Glückwünschen an und bedanke mich bei Dir persönlich für Deinen Einsatz. Es braucht Frauen wie Dich, die auch weiterhin dafür Sorgen, dass unsere gewerkschaftlichen Vorstellungen einer freien, gleichen und gerechten Gesellschaft Liebe Rosl, danke, mach weiter so, wir – und die vielen denen Du hilfst, wir alle brauchen Dich.“ Anschließend dann, die mit Anekdotengespickte, und deshalb kurzweilige Laudatio auf Rosl Pflaum, von ihrer Betriebsratskollegin Gertrud Strätz (Auszug): „Sehr verehrte Gäste, meine Damen und Herren, liebe Rosl, als Deine ehemalige Arbeitskollegin, teils auch gewerkschaftliche Wegbegleiterin habe ich heute die besondere Freude und Ehre, Deine Laudatio zu halten. Am Dreikönigstag 1941 kamst du als eines von den 7 Licha-Kindern zur Welt. Bei Deiner Geburt musstest Du damals schon eine außergewöhnliche „ A r t e r i e“ in Dir gehabt haben, die recht schnell in Funktion trat und bis heute immer mehr angewachsen ist! Es ist Deine große, soziale Ader die Dich auszeichnet ausgestattet noch mit einem außergewöhnlichen Hilfs-Gen. Ich habe mich mal gewundert, als Du auf der Arbeit erzählt hast: „Gestern wor ich mal wiedä bei meinä Zeiler Muttä.“ Aber du wohntest doch in Eltmann bei Deiner Mutter? Hattest Du zwei Mütter? Rosl, ich hoffe, dass ich jetzt kein zu großes Geheimnis verrate. Damals in der Zeit, als die Wohnung recht klein und das Essen knapp war, hast Du für Deine anderen Geschwister Platz gemacht. Denn, Du bist als Kleinkind zu Deiner Tante, die kinderlos war - gegangen. Genau zu diesem Zeitpunkt hat sich Deine „soziale Ader mit dem Gen “ schon zum ersten Mal bemerkbar gemacht. Und weil sie Dich wohlbehütet, versorgt und großgezogen hat, ist sie Deine „Eltmanner Mutter“ geworden, und somit hattest Du zwei Mütter. Nach dem Schulbesuch hast Du den Beruf Industriekauffrau erlernt. In jungen Jahren bist Du auch der großen Liebe begegnet - Deinem Hans! Und wie so üblich im Liebesrausch, blieb der auch nicht ohne Folgen. Du bekamst Dein erstes Kind, Deine Marion und später Deinen Sohn Michael. Durch ein Arbeitsgerichtsverfahren „Kündigung im Mutterschutz“ hast Du erfahren müssen, wie frustrierend es ist, ohne Rechtsvertretung im Gericht zu stehen. Eine Frau stand Dir damals zur Seite, sie sprach Dir Mut zu, um Dein Recht zu verteidigen. Obwohl Du das Verfahren verloren hast, war es eigentlich der Anlass für Dich sich für andere Menschen zukünftig einzusetzen, und sich trotz Niederlagen nicht unterkriegen zu lassen. Bei jeder weiteren Wahl konntest Du immer die höchsten Stimmen auf Dich verbuchen. Was Dir - für Deine tägliche Arbeit immer mehr Vertrauen und Ansporn gab. In dieser Position gab es keinen Zweifel für Dich auch Mitglied in der Gewerkschaft IG-Metall zu werden. Als freigestelltes BR-Mitglied 1972 wurdest Du gleichzeitig Mitglied des Gesamtbetriebsrates und ab 1984 hat man Dich zur stellvertr. BR –Vorsitzenden gewählt. Deine größten Anliegen waren für Dich in erster Linie Arbeitsplatzsicherung, Kündigungsschutz, gerechte Entlohnung und sich für soziale Belange einzusetzen! Bei Demos oder Arbeitskämpfen standest Du stets an erster Stelle. Denn an Kampfgeist fehlte es Dir nie! Ich höre heute noch den Satz von Dir bei einem Warnstreik, als Du ins Megaphon geschrien hast: „Wenn mein starker Arm es will, stehen alle Maschinen still!“ Als ich 1981 in das BR- Gremium kam, haben wir gemeinsam öfters Seminare besucht, bzw. besuchen müssen. Ja, da kann ich mich noch gut erinner, Rosl. Denn Dein Hans hat dess net gfalln! Als es wiedä mal soweit war, bin ich amol zu ihm ganga und hab ihm gsagt dass mir mal wiedä zu an Seminar weg müsstn. Da hat er zu mir gsagt: „Du, Strätza, Du hast grad nuch zu meinerä gepasst ! Denn was die net was, wast Du, - blos dass dä fort kummt“ Aber, nach längerem Gespräch war er dann doch wieder einsichtig. Er hat ja gewusst, dass wir die Weiterbildung für unsere Betriebsratstätigkeit brauchen. Und Dann kam das Schicksalsjahr 1989. Im Januar verstarb plötzlich, unser langjähriger BR -Vors. Kolbert Lothar und im August hast Du Deinen Hans beerdigen müssen. Dies war ein schwerer Schlag für Dich. Selbst noch in der Trauer um Deinen Mann, hast du 1990 das Amt als BR-Vorsitzende angenommen und den Betriebsrat Eltmann nicht führungslos alleingelassen. Allerdings ahnte damals noch keiner was 1993 mit dem Kufi passierte. Es war an einen Freitag, der schwarze Freitag - der Crash bei FAG. Sicher weißt Du es noch, denn so was vergisst man nicht. Als uns damals der Arbeitgeber einen ganzen Karton voll, mit den v i e l e n Kündigungen auf den Tisch stellte? Mit jedem einzelnen Betroffenen haben wir dann ein Gespräch geführt. Manchmal mit den Kolleginnen und Kollegen mit gegrinna und Widersprüche geschrieben bis in die Nacht. Damals spürte ich erneut, wie bei Dir Arbeitsplatzsicherung und Menschlichkeit an 1. Stelle standen! Durch Deine damalige Funktion im IG-Metall Ortsvorstand Schweinfurt und der Tarifkommission von Bayern kanntest du zum Glück viele BR -Vorsitzende, die Du um evtl. Neueinstellungen für unsere Entlassenen gebeten hast. Mit Deiner Kollegialität und Deiner Durchsetzungskraft, gemeinsam mit dem BR - Gremium und den Vertrauensleuten ist es uns gelungen, fast allen Gekündigten, in andere Betriebe in Schweinfurt, Bamberg, Ebern, Königsberg sogar bis in die Rhön - wieder einen Arbeitsplatz zu vermitteln damit sie ihre Familien weiterhin ernähren können. Dies war eine enorme Kraftanstrengung! Aber das Kämpfen hat sich gelohnt!“ Immer wieder wurde Gertrud Strätz durch Lachen und Applaus bei ihrer Laudatio unterbrochen. Die Stimmung war klasse, Rosl auch ab und an gerührt. Ganz persönliche Grußworte kamen von DGB- Ortsverbandsvorsitzenden Zeil/ Sand, Willi Schütz, Herrn Geiling für den Landkreis und Hans- Georg Häfner. Sie alle hatten eines gemein: Die tiefe Hochachtung für die Lebensleistung unserer Kollegin Rosl Pflaum. Sie hatte selbstverständlich das Schlusswort an diesem „Feierabend“, wie sie selbst ihre Ehrung betitelte. Dabei danke sie insbesondere ihrer Familie, die sie all die Jahre unterstütze und in Kauf nehmen musste, dass Tagungen, Sitzungen, Seminare und betriebliche Alltagsprobleme das Familienleben beschnitten. Ganz Rosl auch ihr persönlicher Dank an jede einzelne Weggefährtin und jeden einzelnen Weggefährten, der am „Feierabend“ anwesend war. Dabei verzichtete Rosl nicht darauf, alle einzeln aufstehen zu lassen. Dabei bewies sie wieder einmal eines: Zu widersprechen hat bei unserer Rosl wenig Sinn. Brav erhoben sich alle Angesprochenen von ihren Sitzen als Rosl sagte: „Los, steh mal auf!“ |
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